Also begann ich, sie zu beobachten. Nacht für Nacht. Meine Nachbarn hielten mich für verrückt, weil ich auf dem Dach lag und Linien in den Himmel kritzelte. Einmal rief mich der Dorfälteste herunter, weil er dachte, ich würde dunkle Zauber praktizieren. Ich erklärte ihm, dass ich lediglich die Mars-Position notiere. Er grummelte, Mars sei ein Gott und brauche keine Position, er wisse schon selbst, wo er sei. Ich notierte fortan heimlich.
Man hat später behauptet, ich sei Schüler großer Denker gewesen. Das stimmt nur zur Hälfte. Der große Denker war tatsächlich groß – körperlich –, dachte aber eher so mittel. Sein Name war Kleomachos von Klazomenai, ein etwas abgelegener Schüler des Anaxagoras. Er war der einzige Philosoph, den ich kannte, der mehr an Brot als an Ideen dachte. Aber er hatte eine unschätzbare Tugend: Er ließ mich Fragen stellen, ohne mich zu verprügeln oder hinauszuwerfen.
Kleomachos brachte mich mit Anaxagoras’ Lehre in Kontakt. Von Anaxagoras selbst sah ich nur einmal den Rücken, als er gerade in Athen in eine hitzige Diskussion verwickelt war. Ich wollte ihm eine Frage zur Sonnenfinsternis stellen, aber er war damit beschäftigt zu erklären, warum die Sonne keine göttliche Fackel sei. Ich beschloss, ihn nicht zu stören. Menschen, die gegen Götterargumente anreden, sollte man grundsätzlich ungestört lassen.
Mein zweiter Lehrer war weniger offiziell, dafür umso einflussreicher: Phorkyllos der Navigator, ein phönizischer Freund meines Onkels. Er würde sich gegen den Begriff „Lehrer“ sträuben und behaupten, er habe mich lediglich mitgenommen, aber tatsächlich lernte ich bei ihm das Wichtigste: dass Sterne nicht Geschichten sind, sondern Werkzeuge. Er sagte stets: „Wenn du dich auf den großen Wagen verlässt, findest du nach Hause. Wenn du dich auf Mythen verlässt, findest du bestenfalls einen Priester, der dir Geld abnimmt.“
Der dritte meiner Lehrer war niemand, den man je im Tempel sah oder dessen Name in Listen steht: Myndon, der Schreiner meines Vaters. Er verstand zwar nichts vom Himmel, aber viel vom Messen. Von ihm lernte ich, dass jedes Maß zweimal genommen werden muss und dass eine Linie nur so gerade ist wie das Werkzeug, mit dem man sie zieht. Ohne Myndon hätte ich vermutlich nie den Drang entwickelt, Sterne in Tabellen zu pressen. Er ist also indirekt schuld an alledem.
Während andere Philosophen sich damit beschäftigten, ob alles aus Wasser, Luft oder winzigen unteilbaren Dingsbums besteht, beschäftigte ich mich mit etwas viel Handfesterem: Zahlen. Nicht, weil ich rechnen konnte – ich konnte es nicht besonders gut –, sondern weil die Himmelskörper anscheinend darauf bestanden, sich regelmäßig zu wiederholen. Wenn etwas regelmäßig wiederkehrt, kann man es zählen. Und wenn man es zählen kann, kann man es vorhersagen. Und wenn man es vorhersagen kann, halten einen die Menschen entweder für ein Genie oder für gefährlich. Ich habe beides erlebt.
Ich entwickelte eine Methode, die ich synkritiké nannte, was beeindruckend klingt, aber im Grunde bedeutet, dass ich Dinge öfter als einmal überprüfe. Ich stellte nämlich fest, dass der Himmel sich nicht ändert, wohl aber der Beobachter – vor allem nach zwei Bechern Wein. Daher: mehrere Nächte, mehrere Messungen, und siehe da, die Fehler schrumpften! Ich hielt das für bahnbrechend. Meine „Kollegen“ hingegen für pedantisch.
In meiner bekanntesten Schrift – ich glaube, sie hieß Über das Maß, könnte mich aber irren, denn mein Schreiber war ein notorischer Kürzer und hat vermutlich die Hälfte gestrichen, schrieb ich: „Der Mythos ist ein Gast, die Zahl der Gastgeber.“ Niemand (inlusive mir selbst) verstand den Satz, aber alle nickten ehrfürchtig. So funktionierte Philosophie und so funktioniert sie wohl auch heute noch.
Astronomisch war ich keineswegs der Beste. Ich war nur derjenige, der bereit war, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Ich habe Sternkataloge erstellt, die heute leider verschollen sind, vermutlich weil jemand dachte, die Tabellen seien Einkaufslisten. Ich habe Helligkeiten geschätzt, Perioden vermessen und behauptet, dass Schleifenbahnen erklärbar seien, ohne Götter ins Spiel zu bringen. Das hat mich in gewissen Kreisen unbeliebt gemacht.
Was mein Leben betrifft: Ich reiste viel, lehrte wenig bis gar nicht und stritt gern. Ich stritt mit meinen wenigen Schülern darüber, ob die Venus eine Morgen- und eine Abendgestalt habe (ja, hat sie). Ich stritt mit Priestern darüber, ob Sonnenfinsternisse göttliche Warnungen seien (nein, sind sie nicht). Und ich stritt mit Fischern darüber, ob man nachts besser angelt als tagsüber (hier irrte ich mich – eindeutig tagsüber).
Alt wurde ich nicht, aber alt genug, um zu sehen, dass die Welt sich nicht nach mir richtet. Der Himmel auch nicht. Und doch bin ich zufrieden: Ich habe mehr Sterne gezeichnet als Fische gegessen, und das kann von mir aus auch so in die Geschichte eingehen.
Solltest du eines Tages hören, jemand habe die Wahrheit über das Universum gefunden – glaube ihm nicht. Ich habe lange genug gesucht, um zu wissen, wie viel man nicht weiß. Und das ist, erstaunlicherweise, tröstlich.
